Reportage

Mit Vollgas Richtung Innovation – News aus der Welt der Autoberufe

20.02.2024
von Rebecca Pozzoli
AGVS-Präsident Thomas Hurter sagte in seiner Auftaktrede: «Innovation ist der Schlüssel zum Erfolg!» «Tag der Schweizer Garagen»: (Quelle: © AGVS-Medien)

Die Automobilbranche ist im Wandel: Aufstrebende Anbieter aus China sowie die Umstellung auf selbstfahrende und intelligente Elektrofahrzeuge bringen viel Bewegung in das Umfeld der Schweizer Garagistinnen und Garagisten. Was die Branche für den Nachwuchs inmitten der aktuellen Entwicklungen so interessant macht, erläutert dieser gleich selbst. Es lohnt sich, da genau zuzuhören und die vorgetragenen Ideen aufzugreifen, denn wie es Bundesrat Rösti, der als Ehrengast vor Ort ist, so schön auf den Punkt bringt: «Die Jungen sind das Wichtigste. Sie sind die Zukunft!»

Mit dem «Tag der Schweizer Garagen» im Januar 2024 bot der Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) Garagistinnen und Garagisten aus allen Teilen des Landes eine wichtige Plattform, um unter dem Motto «Innovation trifft Garage» die aktuellen Herausforderungen der Automobilbranche zu diskutieren. Nicht weniger als 900 Interessierte, darunter auch Bundesrat Albert Rösti, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) befassten sich angesichts der rasanten Entwicklungen rund ums Auto mit neuen Ideen und zukunftsweisenden Möglichkeiten. Auch durch die diversen Fachbeiträge wurde klar, dass Themen wie Elektromobilität, Energiepolitik, Digitalisierung oder Nachwuchsgewinnung in diesen dynamischen Zeiten viel Offenheit, Flexibilität und Einfallsreichtum verlangen.

Herausforderungen der Automobilbranche

Bundesrat Rösti blickt zuversichtlich in die Zukunft: «Das Auto hat einen grossen Stellenwert und wird diesen auch behalten». Rund 4.8 Mio. Personenwagen sind aktuell in der Schweiz gemeldet, Tendenz steigend. Doch den sich stetig ändernden Rahmenbedingungen müsse beherzt entgegengetreten werden. Auch deshalb betont Thomas Hurter, AGVS-Zentralpräsident: «Wandel ist Fortschritt und Fortschritt entsteht durch Innovation; Innovation ist der Schlüssel zum Erfolg.» Automarken aus China sind auf der Überholspur, wie das Beispiel des chinesischen Herstellers BYD zeigt. Dafür gilt es offen zu sein! Im Bereich der Elektroautos gelang es BYD bereits 2023, den amerikanischen Elektroautoprimus Tesla zu überholen. Ein Erfolg, der vor allem durch die Unabhängigkeit von externen Zulieferern möglich wurde, denn als erste Firma auf dem Markt stellt sie die Batterie vollständig selbst her. Durch die zunehmende Umstellung auf Elektrofahrzeuge wird der Strombedarf weiterhin stark steigen. Damit keine Mangellage entsteht, bedarf es des Ausbaus erneuerbarer Energien. Zusätzlich sollten wir innovativen Technologien wie dem Wasserstoff-Antrieb gegenüber aufgeschlossen sein.

«Tag der Schweizer Garagen»: (Quelle: © AGVS-Medien)

Das Fahrzeug von morgen

Niemand mit Benzin im Blut hört es gerne, doch das Zeitalter fossiler Treibstoffe nähert sich dem Ende. Öl als Ressource ist begrenzt, der Wirkungsgrad von Benzin unzureichend und in der Abgasbehandlung immer aufwendiger. Auch Prof. Dr. Helena Wisbert vom renommierten CAR Center Automotive Research in Duisburg ist überzeugt, dass der Personenwagen der Zukunft ein Elektrofahrzeug sein wird. Sie geht davon aus, dass sämtliche Fahrzeughersteller von morgen auf Sicherheit und Qualität setzen werden. Unterscheiden würden sich die verschiedenen Fahrzeugmodelle wohl vermehrt bezüglich des Preis-Leistungs-Verhältnisses, bei digitalen Funktionen und Infotainmentsystemen. Das autonome Fahren werde in einigen Städten bereits jetzt erprobt. Wisbert prognostiziert: «Wir werden in Zukunft alle Beifahrerinnen und Beifahrer sein.» Doch womit werden wir uns beschäftigen, wenn der Verkehr nicht mehr unsere volle Aufmerksamkeit erfordert? Es sei schwierig, die Lenkerinnen und Lenker von heute nach ihren zukünftigen Bedürfnissen zu befragen, denn was die Zukunft bringe, sei so komplett neu und undenkbar, dass aus dem heutigen Stand der Dinge kaum Bedürfnisse abgeleitet werden könnten, erklärt Wisbert. Sie geht davon aus, dass wir dort dereinst Filme schauen oder unser Büro ins intelligente Auto verlegen werden. Ausserdem nehme die Bedeutung des Eigenbesitzes in Richtung Sharing-Culture ab, was innovative Geschäftsmodelle wie Ride-Hailing oder Ride-Pooling begünstige.

Bundesrat Albert Rösti hob im Kursaal das Auto als Wohlstandstreiber hervor. «Tag der Schweizer Garagen»: (Quelle: © AGVS-Medien)

Der Nachwuchs gibt Auskunft

Um den Herausforderungen der Automobilbranche mit Fahrzeugen von morgen begegnen zu können, braucht es motivierten Nachwuchs, der offen ist für Innovationen. Glücklicherweise gehören die Ausbildungen in den Autoberufen zu den besten und vielseitigsten im Schweizer Bildungswesen. Dies beweisen unter anderem die zahlreichen Spitzenplätze von Automobil-Mechatronikerinnen und -Mechatronikern im internationalen Vergleich.

Wie man die Branche für junge Talente interessant macht, fragt man diese am besten gleich selbst. Simone Ruckstuhl (Unternehmensnachfolge der Ruckstuhl Garagen), Fabio Bossart (SwissSkills-Gold, EuroSkills-Silber), Florent Lacilla (SwissSkills Gold 2018/2020, WorldSkills-Gold), Noah Frey (SwissSkills-Bronze 2022/2023) und Sophie Schumacher (WorldSkills-Teilnehmerin 2024) wissen, was einen ansprechenden Arbeitsplatz auch für den Fachkräftenachwuchs auszeichnet:

Simone Ruckstuhl ist überzeugt:

«Wir müssen an unseren Vorurteilen arbeiten und die Garagen als Arbeitsplatz für Mitarbeiterinnen attraktiver machen, denn Frauen gehören genauso in die Garage wie Männer. Ein rücksichtsvoller Umgang unter den Mitarbeitenden ist unverzichtbar. Es reicht jedoch nicht, Frauen in die Werkstatt zu holen und sie gleich zu behandeln, ihre Leistungen gleich zu messen, von ihnen die gleichen Eigenschaften, den gleichen Tonfall zu fordern. Wir sollten uns stattdessen fragen, welche Eigenschaften und Leistungen Frauen auszeichnen, unter welchen Rahmenbedingungen die weiblichen Stärken zum Vorschein kommen und Raum für sie schaffen.»

Fabio Bossart setzt ausserdem auf Abwechslung bei der Arbeit:

«Abwechslungsreiche Arbeitstage vergehen wie im Flug. Es ist schön, die Kundschaft glücklich zu machen. Weil man aufgrund von neuen Technologien stets am Ball bleiben muss, wird es nie langweilig.» «Tatsächlich verlieren die Jugendlichen das Interesse am Beruf eher, wenn sie im Frühling und Herbst nichts anderes als Räder wechseln müssen», stimmt ein Tagungsteilnehmer bei. «Es ist an uns Garagistinnen und Garagisten, die Ausbildung abwechslungsreich und spannend zu gestalten, um den Nachwuchs halten zu können.»

Florent Lacilla und Noah Frey wiederum betonen den Spielraum, den flexible Arbeitszeitmodelle mit sich bringen. Geregelte Arbeitszeiten mit wenig Überstunden können ausschlaggebend sein, ob sich jemand für oder gegen einen Betrieb entscheidet.

Sophie hat sich durchs Schnuppern in der Autobranche dafür entschieden, Automobil-Mechatronikerin zu werden:

«Eine Schnupperlehre ist sehr wichtig, ohne geht es fast nicht mehr. Je besser der Betrieb die Schnupperlehre aufbaut und gestaltet, desto eher entscheidet sich der Nachwuchs dafür, dort die Lehre zu machen. Hier liegt grosses Potenzial. Der Betrieb muss den Jungen Zukunftsperspektiven aufzeigen und Möglichkeiten bieten, sich weiterzuentwickeln.»

Fassen wir zusammen: Garagen, die mit einem angenehmen Arbeitsklima und rücksichtsvollen Mitarbeitenden sowie abwechslungsreicher und zeitlich flexibel gestalteter Arbeit punkten, haben die Chance, motivierte, junge Frauen und Männer in einer gut strukturierten Schnupperlehre von sich zu überzeugen und damit den Nachwuchs nachhaltig zu sichern.

Der Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS)
Das Schweizer Autogewerbe ist feingliedrig strukturiert: 1927 gegründet, ist der AGVS heute der Branchen- und Berufsverband der Schweizer Garagisten, dem rund 4000 kleinere, mittlere und grössere Unternehmen, Markenvertretungen sowie unabhängige Betriebe angehören. Die insgesamt 39'000 Mitarbeitenden in den AGVS-Betrieben – davon 9000 in der Aus- und Weiterbildung stehende Nachwuchskräfte – verkaufen, warten und reparieren den grössten Teil des Schweizer Fuhrparks mit rund 6 Millionen Fahrzeugen.

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